Gemeinderat: Stellungnahme zur Formel 1-Entscheidung
Jun 24th, 2009 | By mmgelb | Category: Allgemein, GemeinderatGestern traf der Gemeinderat der Stadt Hockenheim einen einstimmigen Beschluss über die Zukunft der Formel 1 auf dem Hockenheimring. Der Wortlaut des Beschlusses findet sich im vorherigen Post.
Als Fraktionssprecher der FDP-Gemeinderatsfraktion legte ich zu der Entscheidung unsere Position dar. Zu berücksichtigen ist der Zweck einer solchen Stellungnahme. Sie dient nicht dazu, umfänglich über das Thema zu informieren. Das ist Aufgabe der Verwaltung. Die Vorlage dazu umfasste gestern alleine 7 Seiten. Außerdem sind wir mit unserer Stellungnahme als letztes an der Reihe. Das macht es jedes Mal aufs Neue zu einer Herausforderung. Schließlich möchte man die Zuhörer nicht mit Wiederholungen langweilen, gleichzeitig aber auch keine wesentlichen Aspekte die zur Meinungsbildung beigetragen haben vergessen. Beurteilen Sie bitte selbst, Sie finden den genauen Wortlaut hier:
Stellungnahme TOP 5: Hockenheimring Baden-Württemberg
hier: Formel 1-Rennen auf dem „Hockenheimring Baden-Württemberg“
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,
wir stehen heute Abend vor einer Entscheidung die keinem von uns leicht fällt. Vor fast 40 Jahren fand auf dem Hockenheimring das erste Mal der Große Preis von Deutschland statt. Die Formel 1 hat mit der Rennstadt Hockenheim also eine lange gemeinsame Geschichte. Diese Geschichte war bis vor wenigen Jahren auch für beide Seiten sehr erfolgreich. In den letzten Jahren stellte sich die Situation auf der Seite der Hockenheimring-GmbH und damit auch der Stadt jedoch problematisch dar.
Wegen sinkender Zuschauerzahlen konnten die Antrittsgebühren für die Formel 1 nicht erwirtschaftet werden und es entstand mit jedem Rennen ein größeres Defizit. Vor dieser Situation stehen wir jetzt, im nächsten Jahr wird ein Defizit aus dem Formel 1-Rennen von 6 Mio. Euro erwartet. Die restlichen Geschäfte der Hockenheimring-GmbH laufen zwar gut, aber ein Defizit in dieser Höhe kann man damit nicht quersubventionieren.
Diese Situation ist spätestens seit letztem Herbst bekannt. Die Entscheidung im Dezember und die Entscheidung am 25. März waren dennoch richtig. Sie ließen uns Verhandlungsoptionen, die wir mit einem damaligen Ausstiegsbeschluss nicht gehabt hätten. Sie ließen insbesondere auch dem Land Baden-Württemberg, der Region, und den deutschen Herstellern Zeit um die Stadt Hockenheim zu unterstützen. Leider wurde oder konnte diese Zeit nicht erfolgreich genutzt werden. Gerade das Land Baden-Württemberg hat sich dabei sehr zögernd verhalten. Die Problematik ist Herrn Oettinger seit langem bekannt, er hat jedoch wie bei vielen anderen Landesthemen auch beim Thema Hockenheimring auf Zeit gespielt. Das war uns, der Stadt Hockenheim gegenüber nicht fair, denn es war unsere Zeit und nicht seine. Wir hätten Verständnis wenn das Land mit fundierten Argumenten die Stadt Hockenheim nicht unterstützt. Die praktizierte Hinhaltetaktik zeugt jedoch von mangelndem Respekt. Daher werden wir jetzt nicht länger warten und heute Abend die von Herrn Gummer vorgestellte Vorlage beschließen.
Denn wir sind als Stadt mit knapp 21.000 Einwohnern in der Motorsport-Welt ein kleines Licht. Wir konkurrieren als Veranstalter mit großen Städten, Bundesländern und Staaten. Diese haben andere Voraussetzungen und andere Mittel.
Im übertragenen Sinn, sind wir das kleine gallische Dorf der Formel 1.
Es lag in den letzten Jahren auch nicht am Einsatz und am Engagement der Stadtverwaltung, des Gemeinderats, der Geschäftsführung und den Mitarbeitern der Hockenheimring-GmbH. In dieser Hinsicht können wir uns mit den Galliern um Asterix und Obelix messen.
Uns fehlt jedoch ein entscheidender Faktor: der Druide der den Zaubertrank kocht.
Die einzige Pulle die uns zur Verfügung steht ist der städtische Haushalt. Aus dieser Pulle sind die heute schon mehrfach angesprochenen 15,5 Mio. Euro seit 2003 zur Stabilisierung der Unternehmensgruppe geflossen. Nächstes Jahr wären weitere 6 Mio. Euro Defizit aus dem Formel 1-Rennen abzudecken. Das macht zusammen gut 21 Mio. Euro, soviel wie die gesamten Steuereinnahmen der Stadt Hockenheim im vergangenen Jahr (2008).
Um diese Größenordnung zu verdeutlichen, kann man diesen Betrag mit dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung vergleichen. Dieses wurde ursprünglich in Höhe von 50 Mrd. Euro (für 2009 und 2010) beschlossen. 50 Mrd. Euro sind jedoch nur ein Fünftel der jährlichen Steuereinnahmen des Bundes.
Mit den erwarteten Verlusten aus dem Formel 1-Rennen im kommenden Jahr würden wir daher insgesamt ein Konjunkturpaket auflegen, welches im Verhältnis 5 Mal so groß wie das der Bundesregierung wäre.
Das übersteigt jedoch bei weitem unsere Möglichkeiten, wir müssten die 6 Mio. Euro komplett über Schulden finanzieren.
Doch selbst wenn der Betrag nicht so hoch wäre, beispielsweise weil Sebastian Vettel um die Weltmeisterschaft mitfährt und die Zuschauer wieder wie zu besten Schumacher-Zeiten in Massen auf den Ring strömen; selbst dann wären wir nicht bereit das Geld zu investieren. Denn wie bereits von Herrn Gummer dargestellt, hat die Stadt keine direkten finanziellen Vorteile aus dem Formel 1-Rennen. Es wird zwar ein zusätzlicher Umsatz von 40 Mio. Euro in der Region erwirtschaftet, davon profitieren aber andere und nicht die Stadt.
Wir würden mit einem solchen Konjunkturpaket also andere unterstützen und dafür den Hockenheimer Bürgerinnen und Bürgern die Schulden hinterlassen. Ein solches Handeln als Gemeinderat wäre unverantwortlich. Wir sind den Hockenheimern verpflichtet und nicht einer Region, einem Bundesland, den deutschen Autoherstellern oder den deutschen Rennsport-Fans.
Außerdem hat uns leider auch niemand entscheidend unterstützt bzw. seine definitive Bereitschaft dazu signalisiert.
Mit einer Ausnahme: Herrn Ecclestone. Daher bleibt uns nur, den vorliegenden Beschluss zu treffen und uns damit selbst zu helfen.
Sicher, nur mit der Zusage von Herrn Ecclestone und ohne die Genehmigung des Aufsichtsrats ist das ein Risiko und vielleicht kommen im nächsten Jahr auch 100.000 Zuschauer und wir könnten Geld verdienen. Aber ist es das Risiko wert?
NEIN!
Die vorliegende Option ist das beste und sicherste Blatt welches wir seit langem auf der Hand haben. Es wäre wie ein Befreiungsschlag. Daher bleibt uns keine Wahl, wir werden dieses Blatt spielen und auf die Zusage vertrauen.
Vorläufig bedeutet dies das Ende der Formel 1 auf dem Hockenheimring. Es könnte daher im nächsten Jahr das erste Mal seit Jahrzehnten keinen Großen Preis von Deutschland geben, d. h. eine ganze Saison ohne ein Formel 1-Rennen in Deutschland.
Doch die Tür ist nicht zu: Wer das Rennen 2010 oder darüber hinaus in Deutschland halten möchte und sich dazu in der Lage sieht, ist in Hockenheim als Gesprächspartner herzlich willkommen. Wir sind nicht gegen die Formel 1, wir sind nur für Hockenheim.
Der vorliegenden Beschlussformulierung liegt diese Option zugrunde. Die Fraktion der FDP/Liste für Hockenheim stimmt daher dem vom Hauptausschuss empfohlenen Vorschlag zu.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Michael Gelb
Fraktionssprecher für die FDP/Liste für Hockenheim










